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Mensch im Spiegel

Kurzgeschichte “Mensch im Spiegel” über das oberflächliche Denken in kritischen Situationen, September 2015, Chemnitz. Carsten Pohl

Mensch im Spiegel

Der kleine Raum, in den der Mann trat, war dunkel und von keinen Möbeln geziert. Nur drei große Spiegel standen darin, einer in jeder Ecke des Raumes. Wie schön wäre es, sich in diesen großen Spiegeln betrachten zu können, dachte der Mann und ging auf den ersten Spiegel zu. Doch als er hinein sah, erschrak er, da er nicht in sein Spiegelbild sah. Er sah eine Person seines Alters, doch besaß diese nur ein altes Hemd und eine alte Hose, hatte ein südländisches Aussehen und trug einen Beutel mit Hab und Gut über der Schulter. Die Füße waren geschunden, das Gesicht mit Falten durchzogen und traurig. Der Mann wusste nicht, wer diese Person war. Und so bekam er Wut, zerschlug den Spiegel und rief erzürnt: Das bin ich nicht!

Als er zu dem zweiten Spiegel trat erhoffte er sich wieder sein Spiegelbild. Doch auch hier sah er sich nicht. Er sah eine Frau, wie sie weinend und am Ende ihrer Kräfte versuchte, ihre Habseligkeiten aus einem brennenden Haus zu retten. In der Nähe stand ein Kornfeld in Flammen und das Feuer hatte das Haus erfasst und brannte lichterloh, so dass sich der Himmel schwarz färbte vom Rauch. Der Mann erschrak vor dem, was er da sah und so bekam er Angst, zerschlug den Spiegel und rief voller Angst: Das bin ich nicht!

Nun trat er zu dem letzten Spiegel und hoffte nun endlich, sich selbst zu sehen. Doch auch dieses Mal sah er sich nicht. Er sah ein Kind, was nur mit einer Hose bekleidet durch enge Gassen irrte. Es schien verwirrt, voller Hunger und Sehnsucht nach Geborgenheit. Auf den ermüdeten Beinen schleppte es sich von Haus zu Haus und klopfte verzweifelt und Hilfe suchend an verschlossene Türen. Der Mann konnte nicht begreifen, was er da im Spiegel sah. Und weil er verwirrt war, zerschlug er den Spiegel und rief voller Ahnungslosigkeit: Das bin ich nicht!

Nun gab es keine Spiegel mehr. Nur noch die Tür, durch die er gekommen war. Und da verließ er den Raum voller Unzufriedenheit, ohne sein Spiegelbild gesehen zu haben, betrat er erneut einen Raum, in welchem abermals drei Spiegel standen. Und als er auf sie zuging, konnte er in jedem einzelnen sein Spiegelbild erblicken. Unversehrt und gesund stand er da. Voller Zufriedenheit.

Da betrat eine andere Person den Raum und gesellte sich zu dem Mann. Aber nach kurzer Zeit stürmte die Person auf die Spiegel zu und zerschlug sie allesamt. Der Mann war erschüttert und so fragte er bestürzt: “Warum hast Du die Spiegel zerschlagen?”

Und die Person antwortete voller Wut: “Dort im Spiegel, das bin ich nicht!”

cp

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Dichtzeit - von Carsten Pohl