Regen

Die Kurzgeschichte “Regen” über die unergründlichen Wege der Liebe. Um 2013. Chemnitz. Carsten Pohl.

Regen 

Genau genommen ist Regen nichts anderes als durch meteorologische Vorkommnisse erzeugtes Wasser, welches aus dick grau gefärbten Wolken zu uns auf die Erde fällt. Und doch vermag er es, in uns Emotionen verschiedenster Arten zu wecken. Ob es nun der erfrischende Sommerregen ist, welcher uns aufatmen und lachen lässt, wenn wir vor Glut schwitzend nach etwas Abkühlung lechzen, oder der Herbstregen, der uns in einen fest schon depressiven Zustand schickt, aus den uns nur die weit entfernte Sonne wieder holen kann, sollte sie es doch mal schaffen, sich durch den grau behangenen Himmel zu schaufeln. Das waren aber nur zwei mögliche Situationen, in denen Regen in uns verschiedene Gefühle auslöst: traurige, fröhliche oder melancholische Gefühle.

Leider war das Gefühl, welches ich gerade empfand, als ich die nasse, kalte Straße hinunter zu meiner Wohnung lief, kein positives. Kein schönes, was mich lachen oder gar die Arme ausbreiten und in den Himmel schauen ließ. Es war ein trauriges, depressives Gefühl, welches mich schon die ganze Strecke vom Restaurant um die Ecke bis hier hin begleitete. Den ganzen Tag hatte es schon geregnet. Der Himmel war dunkel geblieben und die Wolken gönnten keinem einzigen Lichtstrahl Platz, als wenn sie sich schützend vor den Erdboden warfen, damit dieser keinerlei Licht abbekäme.

Nun war es schon später am Abend. Ich schaute gedankenverloren auf die Uhr und registrierte nur beiläufig, dass die Zeiger auf 22:00 Uhr standen. Mein Blick streifte nur flüchtig das Ziffernblatt, denn andere Dinge waren jetzt wichtiger. Mit anderen Dingen bezeichnete ich gerade meine eigenen Gedanken, die wie wild im Chaos durch meinen Kopf strömten. Gedanken um meine Trennung, die ich erst seit vier Monaten hinter mir hatte und Gedanken um einen Neuanfang. Ein Teil dieses Neuanfangs war vor wenigen Minuten oder nicht mal einer Stunde im Restaurant an der Ecke zerbrochen. Ein kleiner, aber sehr gemütlicher Laden mit feiner italienischer Küche. Genau der richtige Ort um ein drittes Treffen zu vereinbaren. Ein Treffen mit einer Frau die ich vor wenigen Wochen kennengelernt hatte.

Wir haben immer viel telefoniert, Meinungen ausgetauscht, Fotos geschickt oder SMS geschrieben. Wir verstanden uns gut und die Tage vergingen wie im Flug, denn es schien als wenn ich doch ziemlich kurzfristig wieder auf einen Menschen gestoßen wäre, dem ich mein Leben anvertraut hätte. Natürlich nicht sofort, nicht gleich und nicht nach ein paar Wochen. So naiv war ich dann doch nicht, aber es war die Art von Begegnung, bei der man sofort dachte: Das ist sie!

Ein erstes Treffen in einem Park zum Spazieren gehen war schnell geplant und mit großer Aufregung stand ich dann vor ihr. Sie war hübsch, hatte ein schönes Lächeln und entsprach genau meinem Bild von Ihr. Der Tag verging. Zu schnell. Und zu stark war der Eindruck in mir, ich hätte etwas falsch gemacht, etwas übereilt, etwas Falsches gesagt oder mich nicht richtig benommen. Ich war wütend, als der Abend kam und ich mich von ihr verabschieden musste. Mit einem Kuss auf ihre Wange ging es auseinander.

Ich war so wütend! Auf mich selbst, auf mein ganzes Gehabe, Getue und auf alles Andere was ich sicherlich auch noch falsch gemacht hatte. Damals war es wie heute. Ich ging schnellen Schrittes nach Hause. Ich wollte von der Straße weg, in meine Wohnung, die Tür abschließen, alles hinter mir lassen, ins Bett steigen, einschlafen und einen neuen Tag beginnen. Damals regnete es nicht und doch hatte ich den Eindruck, als wenn irgendetwas sich auf mich legte, wie ein grauer Schleier der mich antrieb, vorwärts trieb zurück in meine Wohnung. Selbstmitleid ist etwas Schreckliches. Es macht einen einsam, weich und lässt einen keinen klaren Gedanken mehr fassen und doch tut es gut, ab und zu darin zu baden. Vor allem in Zeiten in denen man denkt, man mache nichts richtig.

Scheinbar schien ich damals doch nicht alles falsch gemacht zu haben, denn das Telefon klingelte. Ich erschrak, griff neben mein Bett und nahm ab. Sie war es. Sie war dran und klang nicht gereizt oder enttäuscht. Sie klang fröhlich und gut gelaunt und bedankte sich für einen wunderschönen Tag. Ich war stolz auf mich! Ich hatte nicht ganz versagt und nach mehreren Jahren fester Beziehung und monatelanger Traurigkeit hatte ich doch wieder gefunden wonach ich immer gesucht hatte und immer suchen werde. Zweisamkeit.

Das zweite Treffen ging ich selbstbewusster an. Und diesmal hatte ich ein gutes Gefühl. Kurz darauf telefonierten wir. Lange, sehr lange. Sie wollte mich wiedersehen und ich sie. Ein Erfolg. draußen regnete es schon wieder, doch für mich schien die Sonne. Keine Wolke am Himmel, kein Tropfen berührte die Straßen. Für mich schien die Sonne. Zwei, drei Tage lang.

Plötzlich rissen die Telefonate ab. Die SMS wurden weniger, die Gespräche kürzer. Hatten wir uns nichts mehr zu sagen? Das konnte nicht sein! Ich hatte noch so viel zu erzählen, von mir, von meiner Vergangenheit, von meinen Plänen. Und auch über sie wusste ich längst nicht alles! Ich wollte noch mehr über Sie erfahren. Doch irgendwie veränderte sich die Situation. Hatte ich in irgendeinem Gespräch zu viel gefragt? Zu viel gewollt, oder etwas Falsches gesagt? Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich verstand diese Frau nicht mehr, mit der ich mich doch auf die eine oder andere Art verbunden fühlte. Ging es ihr zu schnell? Ich hatte Zeit! Ich hatte alle Zeit der Welt, wenn es doch die Aussicht darauf gab, gemeinsam glücklich zu werden. Es war doch noch nichts Ernstes. Zwei Treffen, schöne noch dazu und wunderschöne Tage dazwischen und jetzt das. Warum? Ich hielt mich zurück, versuchte keinen Druck aufzubauen, schrieb ab und zu mal eine SMS. Ich wollte sie wissen lassen, dass ich da war, dass ich sie nicht vergessen hatte. Wollte sie mich denn etwa vergessen?

Die Woche verging und der Termin unseres dritten, geplanten Treffens rückte näher. Ich war wieder sehr aufgeregt. Trotzdem ich mir die ganze Woche den Kopf zerbrach und nachdachte, was das alles zu bedeuten hatte, freute ich mich riesig auf das dritte Treffen! Sich gegenseitig in die Augen sehen und miteinander reden zu können, war nun einmal etwas anderes, als sich durch einen Telefonhörer zuzuhören oder gar anzuschweigen, weil einem plötzlich die Worte fehlten. Zumindest kam das zuletzt öfters vor, als mir lieb war, und auch das war einer der Zustände, die ich nicht verstand. Es war als würde ich versuchen, Tennis zu spielen und meine Partnerin auf der andere Seite des Netzes wollte mir plötzlich den Ball nicht mehr zurück spielen. Bei einem Treffen konnte so etwas nicht so oft passieren. Da sah man sich, schaute sich in die Augen und konnte nur mit einem Lächeln zeigen wie man gerade empfand.

Der Tag war endlich da! Ich fasste den Entschluss, dass es mein Tag werden sollte, ein Tag ohne Regen, mit viel Sonne, wenn nicht über mir, dann eben in mir! Als ich zum Restaurant kam, war sie noch nicht da. Ich wartete geduldig vor dem Eingang und hörte dem trippelnden Rhythmus von unzähligen Regentropfen zu, die auf meinen Schirm niederprasselten, so als wollten sie  mir einen Trommelwirbel vorspielen, um die Spannung ins Unerträgliche zu steigern. Ich war aufgeregt! Sehr aufgeregt. Ich stapfte von einem Fuß auf den anderen. Eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten. Die Zeit verging zu langsam. Wo war sie? Würde sie kommen? Sie kam! Ich sah ihr Auto vorfahren und ging ein paar Schritte auf sie zu. Als sie beim Aussteigen den Kopf einzog, um vergeblich den Tropfen, die von oben herab sausten, auszuweichen, reichte ich ihr meinen Schirm. Sie schaute mir in die Augen, bedankte sich, lächelte und drückte mich zur Begrüßung.

Gemeinsam betraten wir das Restaurant. Wir setzten uns an einen Tisch, bestellten etwas und fingen an uns zu unterhalten. In meinem Inneren pochte mein Herz und meine Aufregung war zwar nicht verflogen, aber auch nicht mehr unangenehm. Wir lachten und scherzten, bis sie etwas ernster wurde. Sie meinte, sie müsse mir etwas sagen. Sie wollte es schon früher machen, war sich aber nicht sicher gewesen. Sie dachte, dass dies der richtige Ort, die richtige Zeit wäre. Persönlich, nicht am Telefon. Mein Herz schlug schneller und ich merkte deutlich, wie sich mein Magen verkrampfte. Sie begann davon zu schwärmen wie schön alles doch gewesen wäre, die Zeit mit mir, die Treffen, die Telefonate. Doch immer hatte sie das Gefühl gehabt, es würde etwas fehlen. Das gewisse Etwas, der Funke. Ich verstand die Welt nicht mehr. Der Funke? Der Funke war doch da? Bei jedem Telefonat, bei jedem Treffen! Sah sie ihn nicht? Ich sagte nichts, hörte zu. Versuchte zu verstehen. Es fiel mir schwer, sehr schwer. Sie schaute mir in die Augen, lächelte ganz kurz und fasste meine Hand. Es täte ihr sehr leid. Ich nickte, biss die Zähne zusammen und sagte ihr, dass ich es sehr schade finden würde. Ich hätte mir gewünscht, dass da mehr wäre. Ich behielt vieles für mich. Ich war wütend. Ich wusste nicht einmal genau auf wen. Auf sie? Auf mich? Auf sie konnte ich nicht wirklich wütend sein. Sie war ehrlich, offen. Auf mich? Weil ich es nicht erkannte, mir zu viele Hoffnungen machte? Aber wie sollte ich sonst zeigen dass ich etwas empfand? Ich konnte auch nicht lange auf mich selbst wütend sein. Es kam Enttäuschung dazu. Viel Enttäuschung, und sie legte sich in mir nieder, breitete sich aus, drückte auf mein Gemüt.

Wir bezahlten unsere Rechnungen, verabschiedeten uns mit einer Umarmung, und ich schaute ihr nach, als sie in ihrem Auto davon fuhr. Ich stand noch lange vor der Restauranttür. Den Schirm hatte ich in der Hand. Zusammengeklappt, nicht aufgespannt. Die Tropfen prasselten auf meinen Kopf, in mein Gesicht. Nach einer Weile fing ich an, langsam los zu laufen. Tausend Gedanken im Kopf und ein Gefühl.

Leider war das Gefühl, welches ich gerade empfand, als ich die nasse, kalte Straße hinunter zu meiner Wohnung lief, kein positives. Es zermürbte mich und ich war in Gedanken. Der Regen hörte nicht auf und tat sein Bestes, um jegliches, positive Gefühl wegzuwaschen. Als ich gerade im Hauseingang stand und den Schlüssel in das Haustürschloss stecken wollte, überraschte mich eine junge Frau, die vom Regen durchnässt Schutz im Hauseingang suchte und an meine Seite huschte. Ich war leicht irritiert und schaute sie, scheinbar etwas erschrocken, an.

„Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken, aber der Regen macht einen ja fertig. Da kann man ja gar keine gute Laune haben, oder?“

Sie lächelte mich an und wischte sich Regentropfen aus dem Gesicht. Ich musste schmunzeln und wusste nicht wirklich, was ich sagen sollte. Sie zeigte auf meinen Haustürschlüssel, der schon zur Hälfte im Schloss steckte.

„Lässt du mich gleich mit rein? Ich bin neu eingezogen, dann muss ich nicht erst nach meinem Schlüssel suchen.“

Sie zwinkerte und lächelte wieder. Ich musste wieder schmunzeln und bemerkte, dass ich sie noch immer anschaute. Ich fasste meine Gedanken zusammen und drehte den Schlüssel. Ich ließ sie vorgehen.

„Mein Name ist übrigens Sophia, Sophia Berger, dritter Stock. Klingel doch einfach mal bei mir. Da können wir auf meinen Einzug anstoßen.“

Sie lächelte, drehte sich rum und ging. Ich schaute nochmal durch die offene Haustür hinaus. Der Regen hörte nicht auf und überschwemmte weiter die Straßen mit kaltem Wasser. Egal. Das Wetter ist das, was ich daraus mache.

Zwei Monate später.

Es klingelte an meiner Wohnungstür. Ich öffnete. Sophia stand da.

„Hi Schatz, ich hab uns Wein mitgebracht! Hoffe du hast einen schönen Film für uns gefunden!“

Sie küsste mich und ging in meine Wohnung.

Die Sonne schien!

cp

Alle Rechte bei Carsten Pohl Chemnitz, 2017
Copyright © Carsten Pohl 2017

error: Dieser Inhalt ist geschützt!